Als Münster sich noch waschen ging

Samstag, 22. Juli 2006 | Quelle: Westfälische Nachrichten

Lisa Glahn & Peter Simon Münster. Das Erinnern eine Kunst sein muss, die nicht jeder beherrscht, ist aus Untersuchungsausschüssen hinlänglich bekannt. Die Münsteraner können sich gut erinnern. Vielleicht ist das der Grund, warum die Westfalenmetropole mit ausgewählten Städten wie Padua, Bristol, Straßburg und Athen an einem internationalen Kunstprojekt teilnimmt. Ziel dieser europäischen Art of Memory ist es, vergessene Orte durch die Erinnerung der Menschen lebendig werden zu lassen. In Münster halfen dabei die Künstler Lisa Glahn und Peter Simon.

Sie realisierten mit der Filmwerkstatt drei multimediale Installationen im Stadtraum, die seit gestern zum lustvollen Erinnern einladen. Glahn und Simon haben mit Hilfe des münsterischen Filmemachers Franjo Hülck 55 Münsteraner nach ihren Erinnerungen zu Orten in der Stadt befragt und drei ausgewählt: das Badehaus Stadtbad2, Radio Münsterland Welle 410 und das Tanzlokal Café Servatii.

Wo heute die Turnhalle der Overbergschule stand, befand sich ab ungefähr 1920 das Badehaus Stadtbad2. Dort trafen sich vorm Wochenende zwar nicht die Waschweiber, sondern Menschen ohne eigenes Bad. Getratscht und geklatscht wurde aber trotzdem kräftig. Glahn und Simon haben drei Wannen unters Dach gestellt. Und aus dem Abfluss steigen die Geschichten der Zeitzeugen auf, unterbrochen von Badehaus-Geräuschen.

An den Übertragungswagen von Radio Münsterland Welle 410 erinnert ein Airstreamer-Wohnwagen auf dem Stadtwerke-Platz. In ihm läuft eine 45-Minuten-Sendung über Menschen wie Münsters Sportreporter Dr. Ernst sowie die Liedermacher Pinkus Müller und Tönne Vormann.

Dunkel muss es sein, damit die Erinnerungen ans Tanzlokal Café Servatii an der Promenade wach gerufen werden. Via Video-Beamer werden die Schatten von Walzer-Tänzern in die Kronen der Linden projiziert.

Die Multimedia-Installationen sind an den Erinnerungsorten bis Mittwoch (26. Juli) wie folgt zu sehen:Stadtbad2: Overbergschule in der Margaretenstraße/ Wolbecker Straße (werktags von 16 bis 20 Uhr, am Wochenende 11 bis 20 Uhr).Radio Münsterland, Welle 410: Radio-Wohnwagen Hafenplatz vorm Stadtwerke-Gebäude (16 bis 21.30 Uhr).Café Servatii: Brasserie Alex, Ecke Promenade/ Salzstraße (täglich ab 22 Uhr).

Gerhard H. Kock

Wannen lassen altes Badehaus auftauchen

Montag, 24. Juli 2006 | Quelle: Westfälische Nachrichten

Stadtbad 2 Münster. Etwas verwundert schaut Marc Schlöder auf die drei Badewannen auf dem Schulhof der Overbergschule. Ich frag mich schon die ganze Zeit, was das denn sein soll, meint der Anwohner. Das kleine Hinweisschild, das am Zaun des Schulgeländes in der Margaretenstraße angebracht ist, hat der 25-Jährige schlicht übersehen. Ich dachte, das sei ein sommerlicher Badespaß für Kinder, erklärt Schlöder und nähert sich interessiert den drei roten, quadratischen Badeobjekten. Dass es sich bei den drei Badezubern um eine Installation der Künstler Lisa Glahn und Peter Cesary Simon handelt, ist auch nur schwer zu erkennen. Lediglich das Schild am Tor sowie einige ausgelegte Infobroschüren klären über das Projekt auf.
An drei Stellen in der Stadt (neben der Overbergschule der Hafenplatz und das ehemalige Tanzlokal Café Servatii) haben die Künstler die Multimedia-Ausstellung Art of Memory installiert, um Passanten auf frühere Objekte oder Gebäude an dieser Stelle aufmerksam zu machen. Die drei Wannen sollen Erinnerungen an das alte Badehaus Stadtbad 2 wecken, das sich ab circa 1920 an der Stelle der heutigen Overberg-Turnhalle befand. Davon weiß Schlöder nichts.

Ich wohne erst ein halbes Jahr in der Stadt und Tafeln oder alte Fotos gibt es hier keine, sieht sich der Tischlergeselle etwas ratlos an den drei Badewannen um. Lediglich die Stimmen von Zeitzeugen, die abwechselnd aus den drei Wannen aus versteckten Lautsprechern ertönen, erzählen von der Geschichte des Badehauses. Die Installation ist zu unauffällig. Und wenn man nicht weiß, was es ist, nimmt man sich auch keine Zeit zuzuhören, so die Meinung einer weiteren Passantin.

Auffälliger und wesentlich zentraler ist da schon die Installation am Hafenplatz vor den Stadtwerken. Hier erinnert ein großer, silberner Wohnanhänger, ein so genannter Airstreamer-Wohnwagen, an den Übertragungswagen von Radio Münsterland Welle 410. Dem im Innern laufenden Tonband mit Geschichten rund um den münsterischen Sportreporter Dr. Ernst sowie die Liedermacher Pinkus Müller und Tönne Vormann hört an diesem Nachmittag keiner zu, weil niemand da ist. Nur wenige Passanten bleiben stehen, um einen kurzen Blick ins Innere zu werfen. Die meisten huschen nur schnell vorbei auf dem Weg ins nahe gelegene Kino. Vor dem Anhänger sitzt einsam Moritz Hesse, der für die Sicherheit zuständig ist. Bis jetzt waren nur drei Besucher da. Spät abends kommen sicher noch ein paar mehr Leute, so der 27-Jährige zuversichtlich.

An der Overbergschule ist die Besucherquote an der Installation derweil auch nicht gestiegen. Wenn die Wannen mit Wasser gefüllt wären, dann wäre bei diesem heißen Wetter hier sicherlich mehr los, meint Marc Schlöder.

Jennifer von Glahn

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